Störungen des Sozialverhaltens

 

Unter Störungen des Sozialverhaltens werden Verhaltensauffälligkeiten verstanden, bei denen soziale Regeln nicht anerkannt bzw. nicht eingehalten werden. Die Betroffenen zeigen sich oft aggressiv, haben Wutausbrüchen oder streiten häufig.  

Sie verhalten sich destruktiv, lügen, stehlen, verweigern den Schulbesuch oder bleiben von Hause weg.  

Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterscheidet in ihrem Klassifikationssystem ICD-10 verschiedene Formen:  

etwa Störungen des Sozialverhaltens mit fehlenden bzw. mit vorhandenen sozialen Bindung, auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens oder eine solche mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten. Zudem gibt es eine Variante, die in Verbindung mit ADS/ ADHS auftritt (Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens).  

In einigen Fällen entwickeln sich aus Störungen des Sozialverhaltens bis zum Erwachsenenalter dissoziale Persönlichkeitsstörungen.  

Kinder müssen erst im Verlaufe ihrer Entwicklung lernen, soziale Regeln einzuhalten; moralisches Handeln ist nicht angeboren. Und sie müssen lernen, mit aggressiven Impulsen umzugehen und egoistische Wünsche angemessen durchzusetzen oder auf deren Befriedigung zu verzichten. Das Einhalten sozialer Regeln zu lernen setzt - so paradox es klingen mag - zugleich voraus, sie zu verletzen. Im Wesentlichen lernen Kinder aus den Reaktionen der Umwelt und aus den Folgen ihres Handelns, es in Zukunft anders zu machen. Das heißt auch, dass nicht jedes Schlagen, Lügen oder Verweigern seine Ursache in einer Störung des Sozialverhaltens hat. Erst wenn die Auffälligkeiten deutlich stärker ausgeprägt sind als bei Gleichaltrigen und mindestens über sechs Monate andauern, kann eine solche Störung vermutet werden.  

 

Studien, die die Häufigkeit dieser Problematik untersucht haben, kommen zu teilweise recht unterschiedlichen Ergebnissen. Orientierend kann davon ausgegangen werden, dass vier bis acht Prozent der Kinder – davon sind etwa ein Drittel Mädchen – unter einer Störung des Sozialverhaltens leiden. Der Anteil der betroffenen Kinder und Jugendlichen, die auch noch im Erwachsenenalter dissoziale Auffälligkeiten zeigen, ist relativ hoch; die in Studien erhobenenWerte schwanken zwischen 28 und 50 %.  

 

Die Ursachen, die zur Ausprägung der Störung führen, sind vielfältig. Biologische Faktoren scheinen nur insoweit indirekt eine Rolle zuspielen, als dass von klein auf sehr lebhafte Kinder – und hier wiederum vor allem Jungen – besonders betroffen sind. Wohl deshalb, weil diese Kinder besondere Herausforderungen an die Erziehung durch die Eltern oder die Lehrer stellen.  

Damit sind wir zugleich bei den weitere Verursachungsfaktoren: die individuelle Sozialisationsbedingungen scheinen eine wesentliche Rolle zu spielen. Von allgemeinen gesellschaftlichen Einflüssen wie sie etwa über Medien vermittelt werden bis zur Erziehung im Elternhaus, im Kindergarten oder in der Schule. Möglicherweise gibt es ungünstige Vorbilder, ist die Erziehung zu streng oder auch zu unklar, widersprüchlich, wenig strukturiert oder inkonsequent. Auch anhaltende Krisen im Elternhaus oder Belastungen in der Schule können – wenn dem Kind andere Bewältigungsfähigkeiten fehlen – zu einem gestörten Sozialverhalten führen.  

 

Diagnostik und Therapie:  

Auch bei der Diagnostik einer Störung des Sozialverhaltens wird im ersten Schritt über anamnestische Eltern-/ Kind-Befragung – im Gespräch und mit Einsatz spezieller Frage- und Beobachtungsbögen – erfasst, wie die allgemeine Situation des Kindes ist. Ggf. werden weitere Bezugspersonen wie ErzieherInnen oder LehrerInnen miteinbezogen und die schulische Belastungssituation unter Einbezug einer Leistungsdiagnostik berücksichtigt. Im weiteren Verlauf werden die Intensität und die Häufigkeit der spezifischen Symptome (Schlagen,Stehlen, Lügen etc.) systematisch erfasst. Schließlich wird auszuschließen sein, dass sich die Auffälligkeiten des Kindes aus anderen Gründen erklären (so mag sich z.B. eine Depression auch in aggressivem Verhalten zeigen).

Kann die Diagnose bestätigt werden, so bieten sich für die Behandlung vor allem verhaltenstherapeutische Hilfen an. Oft müssen erst grundlegende soziale Fertigkeiten erworben werden. Die Kinder lernen unter anderem über Rollenspiele, prosoziales Verhalten zu zeigen. Mit kognitiven Verfahren können sie angeregt werden, die eigenen Beurteilungen sozialer Situationen zu überprüfen. Das ist deswegen wichtig, weil die betroffenen Kinder das Verhalten anderer oftmals falsch einschätzen – etwa das lediglich unbedachte, aber harmlose Schupsen durch einen Mitschülerals einen Angriff bewerten, gegen den sie sich glauben wehren zu müssen.  

In der Therapie ist es wichtig, die Eltern, den Kindergarten oder die Schule mit einzubeziehen. Zunächst müssen die Betroffenen von außen gesteuert werden, bevor es ihnen möglich ist, eine angemessene Eigensteuerung aufzubauen. Dazu wird erarbeitet, wie grenzüberschreitendem Verhalten erzieherisch begegnet werden kann. Bei älteren Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen helfen zudem „Ärger-Bewältigung-Trainings“, in deren Verlauf gelernt wird, mit dem eigenen Ärger umzugehen und aggressive Impulse zu kontrollieren.  

Handelt es sich um eine Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens, so erfolgt in der Therapie eine Verzahnung mit den unter „ADS/ ADHS“ genannten Verfahren, ggf. einschließlich einer medikamentösen Behandlung.  

 

Literatur (die Literatur zu diesem Thema ist sehr umfangreich; hier nur eine kleine Auswahl):  

Franz Petermann, Manfred Döpfner, Martin H. Schmidt. Ratgeber Aggressives Verhalten. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Verlag Hogrefe.

Döpfner, M., Schürmann. S. & Lehmkuhl, G. (2000). Wackelpeter und Trotzkopf. Hilfen für Eltern bei hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Beate Weymann-Reichardt: Kindern klare Grenzen setzen, Südwest-Verlag, München, April 2003.

Katch, Jane: Peng! Du bist tot! Kinder und die Gewalt in den Medien, Beust Verlag, München 2002.

Herbert, Martin: Die ewigen Streiterein, Trainings für Eltern, Kinder und Jugendliche, Bd.8, Verlag Hogrefe.